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Schattenwanderer

Der Plattenweg schimmerte hell zu seinen Füßen. Der Mond, von dichten Wolken verdeckt, spendete nur trübe Finsternis, die unseren Helden umgarnte. Das Feld lag schwarz und ruhig, undurchdringliche Schwärze. Ringsumher brachen Lichter der Zivilisation die Dunkelheit und Fahrzeuge vertrieben die betäubende Stille, die er so liebte. Dunkle Stimmen wisperten erregt aus dem Gebüsch, als ein Fahrzeug mit seinen Scheinwerfern den Weg erleuchtete. Warum nur mussten die Menschen das Licht erfinden? Es zerstörte den Frieden, den er empfand, sobald die Nacht hereinbrach. Er war ein Schattenwanderer, verrichtete seine Missionen im Schutze der Dunkelheit, mied künstliches Licht, als sei es eine Seuche. Das war es ja auch. Nichts als Unglück brachte es den Menschen, und noch mehr Unglück den Schattenwanderern. Schwarze Gestalten, kaum zu sehen, nur geübte Augen fanden sie, wenn sie mit der Finsternis verschmolzen. Das scheußliche Knirschen eines automatischen Rolltores ließ ihn zusammenfahren, er rettete sich in den Schatten eines Baumes. Nadelbäume standen wie Schwämme um ihn herum, während die kahlen Laubbäume mit ihren knochigen Skeletten ihre dünnen Finger der Dunkelheit entgegenstreckten. Garstiger Wind brauste um die Ecken, vertrieb die Wolken und der Mond erschien als fetter, heller Klops am Himmel. Um ihn herum sausten Sternschnuppen in einer Tour, der Himmel war heute wieder besonders unruhig. Er zischte wie eine widerliche Schlange und abrupt hörte der Sternenregen auf. Ein Kreischen ließ ihn herumfahren. Vor ihm ließ sich eine der Sternfeen nieder, ein zierliches Geschöpf mit wehendem Haar und durchdringender Stimme. „Was fällt dir ein, uns zu verbieten, zu fliegen?“, fauchte sie. „Ich weiß, dass du das Licht verabscheust, aber das ist kein Grund, uns die Existenz zu rauben.“ Ihre Stimme erinnerte ihn schmerzhaft an diese elektrischen Kreissägen, die die Menschen heutzutage überall verwendeten. Er achtete nicht weiter auf sie, sondern schnippte kurz mit den Fingern. Ein dünner Windfinger erhob sich und die Fee wurde nach vorn geschleudert. Sie kreischte und lamentierte, doch einen Augenblick später war sie verschwunden. Die Bäume bogen sich im Wind, zwei Männer traten aus dem Rolltor, das ihn soeben erschreckt hatte. Ein älterer mit krausem, zum Zopf gebundenem Haar und ein jüngerer mit schwarzem Haar. Es schienen Vater und Sohn zu sein. Sie unterhielten sich lautstark und hielten Bierflaschen in der Hand. Er verfluchte sie. Dann zischte er wieder, diesmal leiser, und zwei Steine sprangen gegen die Flaschen. Sie zerbarsten und ihr Inhalt ergoss sich auf die Straße. Verdutzt und verärgert schauten sich die Männer an und begannen, aufs Übelste zu schimpfen. Er schüttelte belustigt den Kopf und huschte von dannen.
An einer Straßenecke, an der eine Laterne nicht brannte, stand ein Mädchen, ganz in schwarz gekleidet, mit zart weiß schimmernder Haut und das feuerrote Haar fiel ihr in sanften Wellen über den Rücken. Sie wandte sich in seine Richtung. Ein nachtblauer Edelstein, umwunden von drei Schlangen, pendelte bei der Bewegung in ihrem Dekolleté hin und her. Als sie ihn direkt anschaute, fuhr ihr Blick an ihm herunter, ohne ihn tatsächlich zu sehen, wie er zunächst glaubte. Ihre Augen waren von einem satten Bernsteinton, doch ihre Lider schillerten in allen Farben des Regenbogens. Er war fasziniert von ihr, doch er gab sich nicht zu erkennen. Schattenwanderer mussten ihre Identität wahren, egal, wie bezaubernd menschlicher Umgang war. Doch plötzlich zog sie unter ihrem Umhang einen gekrümmten Stab mit einer roten Kristallkugel am oberen Ende hervor, richtete ihn direkt auf ihn und er erstarrte augenblicklich. „Nahmst du tatsächlich an, ich sähe dich nicht“, wisperte sie herablassend. Ihre Stimme war weich und dennoch duldete sie keinen Widerspruch. Aber er war ja auch nicht im Stande, irgendetwas zu sagen. Sie kam gemessenen Schrittes auf ihn zu. Auf ihrer Stirn leuchtete ein rotes Mal in Form eines Stierkopfes und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Eine Spanische Elfe, nichts lag menschlichem Umgang ferner. Sie lächelte, doch ihr Lächeln war bittersüß, es strahlte Sarkasmus und Verachtung aus. „Mein Lieber, mir gefällt nicht, wie du die dir gegebenen Kräfte missbrauchst, indem du den Sternfeen ihrer Existenz beraubst.“ Ein forscher Sturm zog auf, er wirbelte Blätter und Äste willkürlich umher. Die Spanische Elfe lächelte weiterhin boshaft. Hinter sich spürte unser Held plötzlich eisigen Atem. Oh nein, dachte er schaudernd, nicht das auch noch. Eine weitere Frau trat neben die Spanische Elfe. Sie trug eine dunkle Kapuze, ihr Kleid verdeckte ihren Körper nur an strategischen Stellen. Ihr Blick war unnachgiebig, aus ihrem Rücken wuchsen schwarze Flügel und in der Hand hielt sie eine geschwungene und filigran gearbeitete Sense. Der fleischgewordene Alptraum stand vor ihm. Eine Spanische Elfe, kaltblütig, aber mit ihrer Schönheit betörend und damit all ihre Feinde in die Falle verlockend. Und ein Todesengel. Sind sie in der Nähe, ist Leid, Trauer und Verzweiflung nicht fern. Der Todesengel trat auf ihn zu und fuhr ihm mit ihrem eiskalten Finger über den Hals. Er spürte, wie die Kälte durch seinen Körper kroch und seine gelähmten Glieder einfror. Ehe er jedoch ganz erstarrt war und hier im Dunkeln die Raben als Eisstatue erfreute, erfasste ihn ein warmer Hauch, der das Eis in seinen Adern schmelzen ließ. Die Frauen schauten sich irritiert um. Während die Flammen ihn weiter vom Eis befreiten, bemerkte er etwas, was ihm die Schadenfreude ins Gesicht trieb. Leuchtende Funken nisteten sich im Saum der Kleider der Zauberwesen ein und fraßen sich munter durch den Stoff. Aschehäufchen bildeten sich um die Frauen herum. Der Todesengel bemerkte zuerst, was passierte. Sie wehrte sich fauchend und Eis spuckend gegen die Flammen, doch das nützte ihr wenig. Binnen weniger Augenblicke war sowohl von der Spanischen Elfe als auch vom Todesengel nur noch ein Häuflein weiß schimmernder Asche übrig. Jetzt endlich traute sich der Schattenwanderer umzudrehen. Was er sah, beruhigte ihn zutiefst. Hinter ihm stand ein winziger Drache, der ihn schüchtern anlächelte. Scheute sich der Schattenwanderer auch vor Licht, so waren Drachen doch seine besten Freunde. „Danke, mein Kleiner. Du hast mir sehr geholfen.“ Der Drache tappte verlegen von einer Klaue auf die andere. „Nun ja, ich habe nicht uneigennützig geholfen.“ Unser Held kniete sich zu ihm nieder. „Ach nein? Weshalb dann?“ Ohne aufzusehen, antwortete er: „Ich benötige einen Gefährten. All meine Geschwister und Freunde haben bereits einen Schattenwanderer an ihrer Seite, ich bin der einzige ohne.“ Der Schattenwanderer grinste und hockte sich zu ihm herunter. Der Drache schimmerte dunkelblau. „Na, dann spring auf.“ Er deutete ermunternd auf seinen Rücken und der Drache ließ sich mit einem Schlag seiner Schwingen auf den Federn seiner Flügel nieder. Der Schattenwanderer erhob sich, als es plötzlich anfing zu schneien. Der Schattenwanderer kniff die Augen zusammen. Die heutige Nacht war wohl nicht seine. Er schlug sanft mit den Flügeln und erhob sich mit seinem neuen Freund auf dem Rücken in die Lüfte. Der Schnee fiel in dicken Flocken vom Himmel, es war klirrend kalt, sodass der Schnee liegen blieb und bald die ganze Welt unschuldig aussah. Doch für einen Schattenwanderer, der in dieser Welt den Menschen keine Spuren hinterlassen durfte, der reinste Alptraum. Trotz des verhangenen Himmels kündingte sich bereits die Dämmerung an. Er machte sich auf zu seiner kleinen Höhle, die tief im Wald verborgen lag, und hoffte, dass die nächste Nacht entspannter ablaufen würde. Aber er glaubte nicht daran.

30.12.11 17:57

Letzte Einträge: Heute gibt's zur Abwechslung mal eine Hausaufgabe. Dafür liebe ich Ethik. ;), Harry Potter Fanfiction Teil 1

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